Ärger und Intrigen im Olymp – ein Thriller

Olympus 006Meine erste Spiegelreflexkamera war keine Olympus. Das war auch gut so. Denn irgendwann fiel sie mir aus der Hand und fortan hatte ich einen Riss im Spiegel.

Aber meine zweite Kamera war eine Olympus OM-1, die mir mein Vater schenkte.

Dieses kleine Wunderwerk der Technik war perfekt für mich. Beim Gedanken an die dazu passenden Zuiko-Objektive fange ich heute noch das Schwärmen an.

Doch das war einmal. Wie sich jetzt herausstellt, laufen hinter den Kulissen des beliebten Kameraherstellers seit Jahren krumme Geschäf­te.

Aber fangen wir ganz am Anfang an. Denn diese Geschichte hat  alles, was ein guter Thriller braucht.

Natürlich gibt es auch einen Helden, verkörpert in dem Briten Michael Woodford. Er war bis vor kurzem der Chef von Olympus. Die folgende Geschichte basiert auf den Fakten aus der Presse und meiner lebhaften Fantasie.

Ende Juli

Woodford rieb sich gestresst über die Stirn. Der Artikel war unmissverständlich. Bei Olympus war etwas faul. Gleich bei drei Übernahmen war viel zu viel Geld gezahlt worden.   Zum Beispiel bei der britischen Firma Gyrus. Mit 1,92 Milliarden Dollar lag der Kaufpreis knapp 60 Prozent über dem Marktwert.

“Es ist rätselhaft, dass Olympus so hohe Summen für nicht am Aktienmarkt notierte Unternehmen bezahlt, die weder über Vermögenswerte noch nennenswerte Umsätze aufweisen”, hieß es in dem Artikel.

Woodford rätselte auch,  – was jetzt zu tun sei. Denn als einziger Nichtjapaner in der 15-köpfigen Geschäftsführung wollte er sich nicht in eine schwierige Position bringen. Wenn er die Geschäfte in Zweifel zog, könnten einige Kollegen ihr Gesicht verlieren. Japaner können dann sehr empfindlich reagieren.

Allerdings war das vielleicht auch das Problem. Niemand hatte in der Vergangenheit Einspruch erhoben, um die Deals zu verhindern.

Eine vorsichtige Anfrage bei seinem Vorgänger Tsuyoshi Kikukawa, der jetzt den Verwaltungsrat anführte, war im Sande verlaufen. “Darum müssen Sie sich nicht kümmern. Da war alles in Ordnung und es liegt vor Ihrer Zeit”. Hatte der mächtige Firmenpatriarch ihn ruhig stellen wollen.

Doch damit war keine seiner Fragen beantwortet. Michael fühlte sich nicht ernst genommen. Aber in Japan ist Selbstdisziplin gefordert oder in seinem Fall einfach Selbstbeherrschung.

September

“Schon wieder so ein Artikel im fakta magazin!” Michael ärgerte sich. Er hätte sich nicht so einfach abspeisen lassen sollen.

“Ayaka, ich brauche ein paar Kopien von diesem Artikel!” Er schrieb einen kurzen Brief an Mr. Kikukawa und Executive Vice President Hisashi Mori: “Ich möchte gerne wissen, was damals wirklich gelaufen ist”.

Tage vergingen und nichts passierte. Wieder dieses typische Bremserverhalten. Er schrieb noch mehrere Briefe gleichen Inhalts, ohne eine Reaktion.

Nun gut, wenn ihm keiner etwas erzählen will, dann würde das ein Wirtschaftsprüfer tun.

Es gab einen richtigen Weg, das zu tun und er würde ihn gehen.

“Ayaka, verbinden Sie mich bitte mit PWC, unseren Wirtschaftsprü­fern”. Es wäre doch gelacht wenn sich die Sache nicht aufklären ließe. Entweder stellte sich dann alles als harmlos heraus oder er hatte Beweise.

Ein Mittwoch im Oktober

Da lag er nun vor ihm: Der Bericht des Wirtschaftsprüfers. “Wir können nicht nachweisen, dass es zu unangemessenen Verhalten gekommen ist. Allerdings lässt es sich zu diesem Zeitpunkt auch nicht ausschließen. Zu bedenken sind eine Reihe potentieller Verfehlungen, wie Bilanzfälschung, Bestechung und die Verletzung der Treupflichten durch die Geschäftsführung.”

Misstrauen erweckte vor allen Dingen die Höhe der Beraterprovisionen. Üblich sind ca. 1% des Gesamtdeals. Olympus war so großzügig, eine Beraterprovision von 36,1% zu zahlen. Alles in allem 687 Millionen Dollar. Diese Summe hätte selbst Hilmar Kopper nicht als Peanuts bezeichnet.

In der Hand hielt Michael den Brief, der alles verändern würde. Er hatte keine Ahnung, wohin ihn dieser Weg führen würde. Er wusste nur, es war das einzig Richtige.

Der Brief forderte sowohl Mr. Kikukawa als auch Mr. Mori auf, sofort zurückzutreten.

„Es ist klar, dass die derzeitige Situation jetzt unhaltbar ist. Der einzige Ausweg ist für Sie beide, zurückzutreten. Ihre Transaktionen enthalten einen Katalog von katastrophalen Fehlern und außergewöhnlich schlechten Entscheidungen, die … in die schockierende Zerstörung von Shareholder Value geführt hat.”

Die harten Worte waren angemessen. Er drohte den Empfängern: “Sollten Sie nicht zurücktreten, bleibt mir aufgrund meiner Position nichts anderes übrig, als bei den geeigneten Stellen meine Zweifel über die ordnungsgemäße Führung des Unternehmens anzumelden.”

Woodford wollte die beiden am Freitag treffen, um mit ihnen abzustimmen wie der Rücktritt kommuniziert werden sollte, damit sie ihr Gesicht wahren könnten und Schaden vom Unternehmen ferngehalten würde.

“Michael San, wollen Sie den Brief tatsächlich abschicken?” Ayaka, seine Sekretärin stellt die sorgenvolle Frage nicht ohne Grund. “Die beiden sind viel mächtiger, als Sie denken!”

Michael lachte. “Kopien dieses Briefs gehen an alle Mitglieder des Vorstands. Danach ist ihre Macht gebrochen. Vor diesen alten Männern brauchen wir keine Angst mehr zu haben. Das ist vorbei!”

Donnerstag Abend

Den Tag über war es verdächtig ruhig geblieben. Woodford nahm an, dass seine geschlagenen Kontrahenten wohl einen leisen Abgang der öffentlichen Demütigung vorzogen. Für das Treffen am Freitag wollte er ausgeschlafen sein. Er war gerade dabei, sein Email-Programm zu schließen, als ihn noch eine Mail erreichte. Sie war mir hoher Dringlichkeit versandt worden.

Um 9 Uhr sollte es ein überraschend angesetztes Vorstands-Meeting geben. Ganz kampflos wollten die beiden Firmen Samurai also nicht aufgeben.

Freitag Morgen, 9:00 Uhr Ortszeit

Als Michael den Raum betrat, waren schon die meisten Vorstandsmitglieder versammelt. Keiner wollte ihm in die Augen schauen. Doch das musste nichts heißen. Denn er war ja gerade dabei, die beiden mächtigsten Personen des Unternehmens abzuschließen. Vielleicht wollte niemand der Nächste sein.

Mr. Mori würdigte ihn keines Blickes, als Michal ihm einen guten Morgen wünschte. Dieser Kriminelle konnte einfach nicht verlieren. Aber am Ende würde auch dieser Herr Geschichte sein.

Woodford war im Recht und das war ein gutes Gefühl.

Sieben Minuten später traf Tsuyoshi Kikukawa ein. Alle begrüßten ihn respektvoll. Einen Moment lang war Michael irritiert. Er tat das Verhalten seiner Kollegen aber als die Macht der Gewohnheit ab. Die Tage von Kikusawa-san waren in diesem Unternehmen gezählt!

Ohne große Einleitung richtete sich Kikukawa an den Vorstand: “Es gibt einen Interessenkonflikt, daher darf Mr. Woodford hier nicht sprechen”. Alle bis auf Michael nickten. Auch wenn er gedurft hätte, konnte er für einen Moment nicht sprechen, weil er schlichtweg sprachlos war. Was in aller Welt lief hier für ein Film ab?

“Mr. Woodford hat ganz offensichtlich keine Respekt dafür, wie eine japanische Firma geführt werden soll. Er behandelt seine Kollegen nicht wie wir es hier in Japan für erforderlich halten.”

Moment mal! Es geht hier nicht um mich! Mr. Kikukawa und Mr. Mori …” – “Sie dürfen hier nicht sprechen”, unterbrach ihn der Protokollführer.

“Jetzt reicht’s aber! Merken Sie nicht, was hier passiert”, schrie Woodford und sprang von seinem Sitz auf.

“Ganz offensichtlich haben Sie uns immer noch nicht verstanden, Mr. Woodford!” Mori sagte diesen Satz sehr leise, aber unüberhörbar. “Jetzt setzen Sie sich wieder hin und stören Sie diese Sitzung nicht weiter.”

Michael hatte die Beherrschung verloren und damit seiner Sache geschadet.

In der darauffolgenden Abstimmung wurde Michael Woodford seiner  Kompetenzen enthoben und Kikukawa warf ihn leise lächelnd raus:

“Nehmen Sie doch den Bus zum Flughafen”, riet er ihm ironisch. Einen Moment verstand Michael nicht. Doch dann kam es ihm: Der hinterfotzige Alte spielte damit auf seine britische Heimat an, in der viele Manager auch mit dem Bus fuhren.

In Europa

Der Machtkampf war entschieden, ohne dass Michael Woodford hätte kämpfen können.

Michael war niemals der Typ dafür, der nach einem verlorenen Machtkampf eine große Welle zu machen. Allerdings ärgerte er sich gewaltig über die selbstzufriedenen Herrscher von Olympus in Tokyo.

Vielleicht hatten sie gedacht, der frisch geschasste CEO würde schweigen. Doch das Ränkespiel im Hintergrund war des Bösen einfach zu viel gewesen. Manchmal braucht es nur einen Moment, um einen Menschen für immer zu verändern.

Michael Woodford nahm gegenüber der internationalen Presse kein Blatt vor dem Mund. Der Fall Michael Woodford wurde zum Fall einer Vertuschungsaffäre. Große Aktionäre verlangten Aufklärung und sie bekamen sie schließlich.

Olympus hatte mit den angeblichen Übernahmen seine damaligen Verluste versteckt und so die Bilanzen des an der Börse notierten Unternehmens gefälscht.

Inzwischen gleicht Olympus Börsenkurs mehr der hellenistischen Depression als den Höhen des Olymps. Die Papiere des Unternehmens drohen sogar von der Börse genommen zu werden.

Mr. Kikukawa trat den Vorsitz des Verwaltungsrats ab und Mr. Mori musste seinen Posten inzwischen räumen. Woodfords Nachfolger Shuichi Takayama behauptet, von den Bilanzfälschungen nichts gewusst zu haben, saß aber viele Jahre im Verwaltungsrat.

Es ist schade, das die Logik der Ereignisse die Rückkehr von Michael Woodford nicht zulässt. Denn nach dem gewaltigen Vertrauensverlust der letzten Tage würde seine Rückkehr an die Unternehmensspitze wohl das richtige Signal setzen. Allerdings müsste zuvor wohl der gesamte Vorstand und Verwaltungsrat abgelöst werden.

Wie heißt es so schön? Entscheidungen geben unserem Handeln eine Richtung. Der Platz an dem jetzt alle stehen ist nicht das, was sich auch nur einer der Beteiligten hätte wünschen wollen.

Es wäre schade, wenn Olympus vom Markt verschwinden würde. Auch wenn das Unternehmen mittlerweile im Medizintechnikmarkt größer ist, gefallen mir die Kameras immer noch.

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